30 Jahre Einsatz
Am Anfang war ein Konto. Der Tierschutzbund Zürich hatte 1974 einen Fonds eingerichtet, in dem Geld zur Förderung einer Forschung ohne Tierversuche gesammelt wurde. Doch nach Ansicht der beiden Vorstandsmitglieder Irène Hagmann und Susi Goll musste wesentlich mehr getan werden. Erschüttert von der gängigen Tierversuchspraxis wollten die beiden Frauen am «Ort des Geschehens» ansetzen – bei den Naturwissenschaftern, in den Versuchslaboratorien. Um mit der Wissenschaft ins Gespräch zu kommen, war jedoch das emotional befrachtete Wort «Tierschutz» auf dem Banner denkbar ungeeignet; daher wurde im Februar 1976 – mit einem Startkapital von gerade einmal 5000 Franken – die unabhängige Stiftung «Fonds für versuchstierfreie Forschung» FFVFF gegründet. Sehr bald stiess der Limnologe Peter Bossard dazu. Irène Hagmann übernahm 1983 die Geschäftsleitung, Susi Goll war für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig – alles ehrenamtliche Tätigkeiten, die später zu Anstellungen in Teilzeitpensen wurden. 2007 wurde die Stiftung in "Animalfree Research" umbenannt.
Ethisch motiviert, pragmatisch in der Umsetzung
Bewegt waren die GründerInnen von Animalfree Research von ethischen Bedenken gegenüber Tierversuchen als qualvolle Eingriffe, bei denen der wissenschaftliche Fortschritt zum Vorteil des Menschen selbstverständlich über das Wohl der Tiere gestellt wurde. Gleichzeitig war man sich aber vollauf bewusst, dass eine weltweite Abschaffung der Tierversuche von heute auf morgen nicht möglich war. Vor diesem Hintergrund wurde der Zweck der Stiftung Animalfree Research darin zusammengefasst, «den Menschen ihre Verantwortung gegenüber dem Tier als Versuchsobjekt klar zu machen und die Entwicklung von Methoden zu fördern, die Tierversuche ersetzen können und gültige Aussagen erlauben». Die Stiftung wollte sich dafür einsetzen, den damals praktizierten «gedankenlosen Massenverschleiss von Versuchstieren» zu stoppen. Im Dialog mit allen an Tierversuchen beteiligten Personen sollten gemeinhin als notwendig erachtete Tierversuche hinterfragt, die Öffentlichkeit über Art und Ausmass der Tierversuche informiert werden.
Mit dem ersten Projekt zum Erfolg – für Tiere und Stiftung
In den 70er-Jahren waren Alternativen zu Tierversuchen in der Schweizer Wissenschaft weitgehend unbekannt oder sie wurden als weltfremde Träumerei abgetan. Umso wichtiger war daher für Animalfree Research das erste Projekt mit einem Wissenschafter, der die Anliegen der Stiftung ernst nahm: Die 1982 mit dem damaligen Leiter des Instituts für Toxikologie Zürich, Prof. Gerhard Zbinden, verfasste Literaturstudie über den grausamen LD 50-Test. Bei diesem zur Entwicklung neuer Medikamente, Kosmetika oder Putzmittel eingesetzten Tierversuch wird die tödliche Dosis (LD=lethal dose) giftiger Stoffe ermittelt, indem man die Substanzen Mäusen, Ratten, Kaninchen und Hunden einspritzt oder verfüttert. Jene Konzentration, bei der die Hälfte der Tiere stirbt, gilt als Massstab für die Gefährlichkeit einer neuen Substanz. Die Literaturstudie, welche den geringen wissenschaftlichen Informationswert dieses Testes aufzeigte und auf dessen Abschaffung drängte, fand weltweite Beachtung. Sie war der Anfang vom Ende eines jahrzehntelang als unverzichtbar eingestuften Tierversuchs – und sie hatte Animalfree Research in der Wissenschaftswelt Beachtung verschafft.
Richtig vernetzt…
Schon sehr früh suchte Animalfree Research auch den Kontakt zu den Humanmedizinern. Ende 1979 ging aus diesen Bemühungen die Vereinigung «Ärzte gegen Tierversuche» hervor, womit sich das Netzwerk zur Hinterfragung der etablierten Tierversuchspraxis erheblich vergrössert hatte. Die heute «Ärztinnen und Ärzte für Tierschutz in der Medizin» genannte Organisation zählt rund 200 Human-, Veterinär- und Zahnmedizinerinnen zu ihren Mitgliedern. Sie geht fragwürdigen – da besonders quälerischen, unnötigen oder ersetzbaren – Tierversuchen nach und versucht, deren Beendigung zu erreichen.
… und innovativ abseits der bekannten Pfade
Pionierarbeit leistete Animalfree Research in den vergangenen 30 Jahren, indem sie junge ForscherInnen unterstützte, die neuartige Methoden entwickeln, welche ohne Tierversuche auskommen. Dass Zellkulturmethoden oder Computerprogramme als Ersatz für Versuche am Tier in die Wissenschaftswelt Eingang gefunden haben, geht auf derartige Projekte zurück. Gar weltweite Verbreitung fand der 1987 entwickelte «PharmaTutor», ein Computersimulationsprogramm, das die Wirkung von Chemikalien am Bildschirm statt im tierischen Organismus zeigt. Insgesamt hat die Stiftung in 30 Jahren annähernd 50 Projekte unterstützt.
Begründerin des Sprachrohrs einer internationalen Forschergemeinschaft
Über die neusten Ergebnisse aus der internationalen Erforschung und Entwicklung von Alternativen zu Tierversuchen informiert man sich heute in der Zeitschrift ALTEX – einer Publikation, deren erste Ausgabe 1984 im Selbstverlag der Stiftung erschien. Aus der einfachen Broschüre mit dem Namen «Alternativen zu Tierversuchen», wurde rasch eine in Wissenschaftskreisen bekannte Zeitschrift, die Animalfree Research weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt machte und vernetzte. Nebst einer Plattform für den Austausch von naturwissenschaftlichen Entwicklungen, will ALTEX auch ein Forum sein für die sozial-ethische Auseinandersetzung mit dem Thema Tierversuch. Über ALTEX gelangte 1986 auch der deutsche Tiermediziner PD Dr. Franz P. Gruber zur bisher von engagierten Laien und NaturwissenschafterInnen getragenen Stiftung Animalfree Research. Er verstärkte das Team zunächst als wissenschaftlicher Berater, übernahm dann 1993 die Geschäftsführung der Stiftung bis 2006.
