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Donnerstag, 02. März 2017 /

Stellungnahme zur Antwort des Bundesrates auf die Interpellation Munz (16.4153)

Nationalrätin Martina Munz stellte dem Bundesrat im Dezember 2016 mehrere Fragen zum Einsatz von Pestiziden und dessen Auswirkungen. Die Antwort der Regierung ist nicht befriedigend.


Animalfree Research begrüsst ausdrücklich das Vorsorgeprinzip, um die Gesundheit und den Schutz des Verbrauchers zu gewährleisten. Allerdings sind wir nicht einverstanden mit den dabei angewandten Methoden.

Zurzeit wird die Toxizität routinemässig im Tierversuch ermittelt (2 Spezies, Nager und Nicht-Nager) und dem ermittelten Wert ein Sicherheitsfaktor von i.d.R. 100 hinzugefügt (seit 1954 unverändert). Der Bundesrat schreibt in seiner Stellungnahme, dass dieser Faktor eine adäquate Sicherheitsmarge bietet. Die wissenschaftliche Literatur ist da anderer Meinung, und kommt zu dem Schluss, dass dieser Faktor nicht in allen Fällen ausreicht, um für alle Bevölkerungsgruppen den gewünschten Schutz zu gewährleisten (siehe Literatur unten).

 

Fehlerbehafte Toxikologiestudien

Toxikologiestudien am Tier sind sehr fehlerbehaftet, dies aus verschiedenen Gründen:

 

  • Tiere haben einen anderen Stoffwechsel (andere Enzyme zum Entgiften, andere Zusammensetzung des Körpers, etc.)
  • Sie haben einen schnelleren Stoffwechsel (kleine Tiere haben einen höheren Umsatz als grosse)
  • Die Labortiere sind Inzuchten und ähneln sich sehr stark. Zudem sind alle Tiere ungefähr gleich alt, gesund, oft haben sie auch innerhalb eines Versuches das gleiche Geschlecht. Die menschliche Population ist sehr heterogen bzgl. Alter, Gewicht, Genetik, Vorerkrankungen uvm.
  • Die Ergebnisse beim Tier werden in der Folge bspw. von 200 g (Ratte) auf den 70kg Menschen hochgerechnet. Dadurch wird erstens die Fehlermarge multipliziert und zweitens ist der Mensch keine 70kg Ratte.
  • Die Effekte chronischer Exposition mit kleinen Mengen, wie es bei Pestiziden der Fall ist, kann im Tier nicht nachvollzogen werden (die Lebensdauer von Ratten und Mäusen beträgt wenige Jahre). Aus dem gleichen Grund können kumulative Effekte im Tier nicht oder nur sehr unzureichend getestet werden (allmähliche Ansammlung kleiner und kleinster Dosen von Pestiziden über Jahre/Jahrzehnte)

 

Cocktail-Effekte können nicht mit Tierversuchen nachgewiesen werden

In aller Regel wird auf Lebensmittel nicht nur ein, sondern mehrere Pestizide ausgebracht (gleichzeitig oder saisonal bedingt nacheinander). Jede Einzelsubstanz ist unterhalb des gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwertes, der gesundheitliche Effekt der Kombinationen aber ist unklar.

Eine Erhöhung der Sicherheit (einmal auf Verbraucherseite) aber auch im Sinne des Arbeitsschutzes für den Landwirt ist daher durchaus wünschenswert. Es ergibt sich damit allerdings folgendes Problem:

Eine systematische Testung aller möglichen Kombinationen von Pestiziden oder auch anderer Gifte ist mit den aktuell verfügbaren und vorgeschriebenen Methoden (Tierversuch) nicht möglich und auch nicht wünschenswert (akute und chronische Toxizität, verschiedene Eintrittspforten wie oral/nasal, Reproduktionstoxizität, Sensibilisierung/Allergieentwicklung). Der Tierverbrauch und die Belastungen (nicht zuletzt auch die Kosten) würden jedes vertretbare Mass sprengen. Solche Testungen müssen also mit modernen, tierfreien Methoden im high-throughput Verfahren durchgeführt werden, wenn überhaupt.

 

Alternativmethoden bieten einen Lösungsansatz

Im Jahr 2007 veröffentlichte das US amerikanische National Research Council NRC den sogenannten Tox21c report, der erhebliches Aufsehen erregte. „Toxicity Testing in the 21st Century: A Vision and a Strategy”, der sich speziell auf Umweltgifte bezieht, die in niedriger Dosierung in der Umwelt zu finden sind, enthält folgenden Kernpunkt:

Today, toxicological evaluation of chemicals is poised to take advantage of the on-going revolution in biology and biotechnology. This revolution is making it increasingly possible to study the effects of chemicals using cells, cellular components, and tissues—preferably of human origin—rather than whole animals.

 

Mit modernen Methoden (Genomics, Metabolomics, Proteomics) lassen sich heute auf zellulärer Basis die sogenannten „Pathways of toxicity“ und „Modes of Action“ erforschen. Auf diese Weise erhält man Aufschluss über die Wirkweise verschiedener Gifte auf zelluläre Prozesse und Strukturen. Das Attraktive: man kann verschiedene menschliche Zellen verwenden (Leber, Niere, Herz) und damit Erkenntnisse gewinnen, auf welche Organe ein Gift vorwiegend wirkt und warum.

Ein weiterer Ansatz ist die „body on a chip“ Technologie, die zurzeit weltweit erforscht und entwickelt wird. Auf einem Träger werden Zellen kultiviert, die über ein Kapillarsystem miteinander in Verbindung stehen. Man kann so bspw. die zu testende Substanz erst von Leberzellen verstoffwechseln lassen, und dann die Kapillare zu den Nierenzellen öffnen, um zu schauen, ob ein toxisches Produkt entstanden ist.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass eine tierfreie Testung von Mischungen, Kombinationen und geringen Dosierungen von Pestiziden möglich ist. Leider schreiben die entsprechenden Regulatorien den Tierversuch aber noch zwingend vor, hier braucht es eine Anpassung. 

 

 

Literatur

  • Bokkers, B. G. and Slob, W. (2007). Deriving a data-based interspecies assessment factor using the NOAEL and the benchmark dose approach. Crit. Rev. Toxicol. 37, 355-373
  • Falk-Filipsson A1, Hanberg A, Victorin K, Warholm M, Wallén M. (2007). Assessment factors--applications in health risk assessment of chemicals. Environ Res. 2007 May;104(1):108-27. Epub 2006 Dec 12