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Montag, 20. Juli 2015 / Aktenzeichen TVS... ungelöst

Aktenzeichen TVS... ungelöst

In den Jahren 2014 und 2015 sind in der Schweiz offenbar mehrere Hunderttausend Versuchstiere spurlos verschwunden. Besondere Kennzeichen: Falsches Alter; falsches Geschlecht; falsches Aussehen oder falsche genetische Ausstattung. Die Vermissten haben verschiedene Fellfarben, Grössen, Gewichte oder Herkünfte. Trotzdem ist ihnen eins gemeinsam: Sie werden nicht gebraucht.


So werden Versuchstiere ihr Leben lang gehalten (oder besser gesagt: gelagert)

Die Versuchstierzahlen in der Schweiz sind wieder angestiegen. Diese Zahlen spiegeln aber nicht einmal die halbe Wahrheit wider. Zwei Trends setzen sich ungebrochen fort: Die akademischen Institutionen (Universitäten, ETHs, Spitäler) verbrauchen immer mehr, die Industrie immer weniger Tiere. Zum anderen nimmt die Anzahl der genetisch veränderten Tiere (GMO) zu, insgesamt von 143´840 (2013) auf 152´128 im Jahr 2014. Erstmals tauchten in der Schweiz genetisch veränderte Kaninchen auf, die importiert wurden. Auch Schweine werden mittlerweile, wenn auch in geringem Masse, verändert. Sie tauchen in der Tabelle gar nicht erst auf. Stabil bleibt der prozentuale Anteil der Mäuse an den GMOs: 98%.

 

Verschwundene Versuchstiere

Eine (zu) wenig beachtete Statistik ist diejenige der Tierhaltungen. Hier werden die Versuchstiere aufgeführt, die insgesamt in der Schweiz im Jahr 2014 gehalten wurden, unabhängig davon, ob sie im Versuch waren oder nicht. Und hier gibt es erstaunliche Zahlen:

Nur 19,2%  der manipulierten Mäuse waren im Jahr 2014 tatsächlich im Versuch. Was mit den restlichen 80,8 % der Tiere, immerhin 630´386 Mäuse, passiert ist, ist ungewiss. Es darf bezweifelt werden, dass diese Tiere zurück in die Freiheiten durft.  Dasselbe gilt für Mäuse vom sogenannten Wildtyp (166´910), und ganz besonders für die veränderten Fische: 30443 wurden gehalten, ganze 1´304 wurden gebraucht (4.3%). Fische und Mäuse haben eine kurze Lebenserwartung. Man kann also getrost davon ausgehen, dass diese „überflüssigen Tiere“ entsorgt werden. Nur gibt es unserer Meinung nach keine überflüssigen Lebewesen. 

Natürlich kann sich jedes Tier glücklich schätzen, welches nicht an einem Tierversuch teilnehmen musste.. Aber man darf nicht vergessen: Die Haltung von Tieren im Labor ist nicht zu vergleichen mit einer Heimtierhaltung, wo den Mäusen Spielzeug, Nistmaterial, ein geräumiger Käfig, abwechslungsreiches Futter und vieles mehr zur Verfügung steht. Lebensfreude wird hier ganz kleingeschrieben. Dazu kommt in vielen Fällen, dass die Tiere bereits von Geburt an genetisch verändert sind: mögliche Belastungen dadurch inklusive.

 

Unklare Motive

Warum werden diese Tiere nicht gebraucht? Das Problem existiert nicht nur in der Schweiz, und diverse Fachleute haben sich mit den Gründen beschäftigt. Sie sind vielfältig (und teilweise haarsträubend)

• Forscher bestehen darauf, nur mit Tieren eines bestimmten Geschlechts zu arbeiten (in der Regel Männchen). Damit ist bereits die Hälfte aller neugeborenen Tiere überflüssig.

• Forscher bestehen auf Tieren eines bestimmten Alters: Mäuse von 4-6 Wochen. Mit anderen Worten: Krankheit oder Urlaub des Forschers können bewirken, dass ganze Würfe „entsorgt“ werden müssen.

Genetische Veränderungen herbeizuführen ist ein sehr anspruchsvolles Vorhaben. Das neue Gen muss genau an der richtigen Stelle landen. In der Regel klappt das nicht. Die Folge: falscher Genotyp. Und selbst wenn es das tut, können völlig unerwartete Konsequenzen eintreten. Die genetische Veränderung zeigt sich nicht wie erwartet bei den äusseren Eigenschaften des Tiers. Sehr oft passiert einfach gar nichts – das Tier ist völlig normal. Und das hat seinen Grund: die ursprüngliche Hypothese („ein Gen, eine Eigenschaft“), auf der die gesamte Gentechnologie beruht, ist seit Jahrzehnten völlig hinfällig. Aber man macht weiter, als sei nichts gewesen. Im schlimmsten Fall hat das neue Gen, im wahrsten Sinne des Wortes, fatale Auswirkungen: Der Nachwuchs ist nicht oder nur kurz lebensfähig.

 

Neue Tatorte

Will man mehr als eine genetische Veränderung gleichzeitig durch Zucht (Kreuzung) herbeiführen, braucht man in bestimmten Fällen riesige Zahlen von Zuchttieren – denn welche Gene sich hier rekombinieren, ist nun einmal Zufall.

Wenn aber so wenige der gehaltenen Tiere überhaupt gebraucht werden, warum werden dann ständig neue Anlagen gebaut? Das aktuellste Beispiel dafür ist die Universität Bern, wo ein neuer Versuchtierbereich geplant ist (das Referendum dagegen ist im Gang). Gegen den Bau neuer Labore haben wir nichts (solange dort in vitro Experimente stattfinden) aber die Notwendigkeit neuer Tierhaltungseinrichtungen ist für uns vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar.

 

Hinweise aus der Bevölkerung unerwünscht 

Zu den Laboren und Versuchtierhaltungen hat die Bevölkerung in der Regel keinen Zugang.  Und es gibt kaum Informationen darüber, was diese ungeheuerliche Verschwendung sie als Steuerzahler kostet – als ob die Tierversuche an sich nicht schon teuer genug wären. 

Animalfree Research ist überzeugt, dass man so nicht mit Lebewesen verfahren sollte– auch eine genveränderte Maus ist kein Gegenstand, und kein Patent, sondern ein Mitgeschöpf, das unsere volle Rücksichtnahme verdient. Die neue Tierversuchsstatistik zeigt leider, dass der Weg dorthin noch weit ist.