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Dienstag, 01. Juli 2014 / Tierversuchsstatistik 2013

Weniger Tiere, mehr Versuchsvorhaben

Am 26. Juni publizierte das BLV (ehemals BVET) die aktuelle Tierversuchsstatistik. Daraus lassen sich einige bemerkenswerte Informationen herauslesen: Erstmals seit 2001 ist die Zahl der Versuchstiere in der Schweiz auf unter 600´000 gesunken. Gleichzeitig ist aber die Zahl der Bewilligungsanträge um ein Drittel (!) gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Neu werden auch die Tiere ausgewiesen, die nicht in einem Versuch sind. Hier offenbaren sich viele offene Fragen.


Sinkende Versuchstierzahlen

Wenn die Tierzahl sinkt, und die Forschungsaktivität steigt, bedeutet dies automatisch, dass immer weniger Tiere pro Versuch verwendet werden. Dies ist ein Trend, den unsere Stiftung seit geraumer Zeit beobachtet.

Nun gibt es natürlich auch Bewilligungsanträge, die dann (aus den verschiedensten Gründen) gar nicht genutzt werden. Die Statistik erfasst daher seit dem Jahr 2001 die ungenutzten Bewilligungen. Wie dramatisch die Entwicklung ist, sehen wir in einem direkten Vergleich:

2001 waren 1716 Bewilligungen aktiv, das heisst das beantragte Versuchsvorhaben fand tatsächlich statt. Im Durchschnitt wurden pro genehmigtem Projekt 335 Versuchstiere verwendet. Das ist natürlich in gewisser Weise ein Rechenspiel, aber wenn man den Trend über die Jahre und Jahrzehnte verfolgt, durchaus aufschlussreich.

2013 sehen wir dagegen folgendes Bild: 3094 Bewilligungen waren aktiv, und pro genehmigtem Projekt waren noch 191 Versuchstiere im Einsatz.

 

Weniger Schweregrad3-Versuche

Gleichzeitig sank die Zahl der Experimente mit dem höchsten Schweregrad auf einen Tiefststand: 1.9%. Dabei muss man aber natürlich berücksichtigen, dass die Zahl der Versuche anstieg, und Prozentzahlen irreführend sein können. In absoluten Zahlen sind stattliche 11´000 Tiere in Versuchen mit höchster Belastung gewesen. 11´000 zu viel!

Alles in allem bedeutet dies aber doch, dass die Bemühungen, so wenig Tiere wie möglich zu verwenden (reduction), und alles unternommen wird, um die Belastung im Versuch zu reduzieren (refine), dauerhaft erfolgreich gewesen sind. Dass beides eine absolut kontinuierliche Entwicklung ist, lässt hoffen.

 

Steigender Trend in der Grundlagenforschung anhaltend

Weniger ermutigend ist, dass die Anzahl der Tierversuche in Universitäten und Spitälern (in der Regel Grundlagenforschung) weiter steigt. Auch diese Entwicklung beobachten wir schon lange, und haben die Schwierigkeiten der Implementierung von Alternativmethoden, hier insbesondere Methoden, die Tiere vollständig ersetzen, zum Thema unseres letztjährigen Forums gemacht. Das gleiche gilt für den Trend, dass ein immer grösserer Anteil der Mäuse genetisch verändert ist. 2013 waren es 37,4%.

 

Neue Rubrik: importierte und hier gezüchtete Versuchstiere

Ein weiterer Aspekt der neuen Statistik ist revolutionär: erstmals wurden die Zahlen der Tiere veröffentlicht, die für Versuchszwecke gezüchtet, importiert bzw. gehalten werden. Es ist klar, dass nicht jedes Versuchstier, das in der Schweiz geboren wird, sofort in den Versuch kommt. Aber die Zahlen sind dann doch überraschend. 2013 gab es in der Schweiz 1´260´645 Versuchstiere insgesamt. In gewisser Weise waren die bisher veröffentlichten Tierzahlen also eine Illusion.

Das bedeutet, ein überwiegender Teil der Tiere geht gar nicht in den Versuch. Das klingt zunächst ja nach einer guten Nachricht, beim zweiten Hinsehen ist es das aber nicht. Das Desaster offenbart sich, wenn man einen Blick auf die genetisch modifizierten Tiere wirft: Mäuse, und, was viele nicht wissen, Fische! Bei den Mäusen wurden 2013 18,5 % im Versuch verwendet, bei den Fischen 7 %. Dazu muss man wissen, dass die Zucht von genetisch veränderten Tieren extrem aufwendig und sehr teuer ist, und dass immer die Gefahr besteht, dass die Tiere durch ihre Mutation bereits einer Belastung unterliegen. 

 

Viele gezüchtete Versuchstiere

Wie erklärt sich die grosse Anzahl genetisch veränderter Versuchstiere, die offensichtlich in keinem Tierversuch zum Einsatz kamen? Folgende Möglichkeiten sind denkbar:

  • Die Tiere werden zwar geboren (und von der Statistik erfasst) sterben aber aufgrund der genetischen Veränderung bald nach der Geburt
  • Die Tiere haben eine genetische Veränderung, aber leider nicht die gewünschte, und sind damit unbrauchbar –sie werden „entsorgt“ – das Tier als Wegwerfware. Dies passiert so häufig, dass es eigene Institutionen gibt, die die „erzeugten“ Tiere daraufhin überprüfen, ob sie tatsächlich das sind, was sie sein sollten (die sogenannte Typisierung).
  • Die genetisch veränderte Zuchtlinie ist angeschafft worden, und das Projekt ist beendet. Die Ergebnisse sind nicht ganz so gewesen, wie man es sich erhofft hatte. Es ist unklar, ob es noch ein Nachfolgeprojekt gibt, oder ob der Ansatz fallengelassen wird. Die Zeit vergeht, es fällt keine Entscheidung und die Tiere sitzen einfach in ihren Käfigen –eventuell jahrelang. 

 

Dramatischer Zustand

Animalfree Research macht normalerweise keine Kosten-Nutzen-Rechnungen. Und wir freuen uns über jedes Tier, das nicht im Versuch ist. Aber hier scheint etwas sehr im Argen zu liegen. Zumal die versprochenen wissenschaftlichen Durchbrüche, die mit genetisch veränderten Tieren erzielt werden sollten, ja auch nach 20 Jahren auf sich warten lassen. Und: Man darf nicht vergessen, dass diesen Tieren, die in den Versuchstierhaltungen „auf Halde“ sitzen, keineswegs die Ansprüche einer Heimtierhaltung zustehen (ausgestaltete Umgebung, Spielzeug, Einstreu…). 

 

Wir freuen uns über den Erfolg des 3R Konzeptes, der sich in immer weiter verminderten Tierzahlen und verringerter Belastung im Versuch widerspiegelt. Was aber die neue Statistik „Versuchstierhaltungen“ angeht, bleiben noch viele Fragen offen. Wenn sich bewahrheiten sollte, dass viele Versuchstiere als "Wegwerfware" produziert wurden und bisher nicht in den Tierversuchsstatistiken auftauchten, ist das ein dramatischer Zustand. Animalfree Research wird sich hier für Aufklärung und Besserung stark machen.

 

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